Trauma

Keine Chance zu flüchten oder zu kämpfen

Kirche unterstützt Ehrenamtliche im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen / Jeder vierte Deutsche macht Traumaerfahrung

Wenn das Schlimme nicht aufhören will- Begleitung von traumatisierten Geflüchteten“ ist der Titel von Veranstaltungen für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit im Neckar-Odenwald-Kreis und Rhein-Neckar-Kreis. Ein Seminar fand in Sinsheim statt, weitere in Mannheim und Mosbach.

Allein in den 83 Kirchengemeinden der beiden Kirchenbezirke im Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis gibt es derzeit mehr als 700 Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. Erkenntnisse der neueren Traumaforschung sollen Ehrenamtlichen helfen, traumatisierte Menschen zu begleiten und zu unterstützen.

Veranstalter der Seminare ist das Zentrum für Seelsorge der evangelischen Landeskirche in Baden in Zusammenarbeit mit Caritas und Diakonie im Kraichgau, kleinen Odenwald und Rhein-Neckar-Kreis. Flüchtlingsarbeitskreise und –Gruppen im Bereich der gesamten evangelischen Landeskirche Baden können solche Seminare kostenfrei buchen wenn es um Trauma, Trauer und Selbstsorge geht. Referentin ist Pfarrerin Dr. Dagmar Kreitzscheck, Studienleiterin im Zentrum für Seelsorge (Heidelberg) mit zehn Jahren Erfahrungen in der Seelsorge mit traumatisierten Menschen im Universitätsklinikum Heidelberg.  

 

Wozu brauchen Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit Seminare zum Umgang mit traumatisierten Menschen?

Kreitzscheck: Wenn sie „Trauma“ hören, bekommen viele Menschen einen Schreck und denken: Da kann ich doch gar nichts machen! In den Seminaren ermutigen wir Ehrenamtliche und rüsten sie mit dem Nötigsten aus, um traumatisierte Geflüchtete zu begleiten. Sie lernen das Phänomen „Trauma“ kennen und in welchen Situationen sie Fachleute hinzu ziehen sollten. Wir geben Unterscheidungshilfen, damit sie nicht erschrecken, sondern  sich die Lebensgeschichten anhören und damit rechnen, dass Menschen Traumata auch selbst bewältigen können.

Geflüchtete Menschen kommen aus anderen Ländern und Kulturen…

Kreitzscheck: Auch die Ehrenamtlichen kommen aus verschiedenen Kulturen und Milieus. Kommunikation kann schwierig sein. Aber es ist nicht gut, Menschen in kulturelle Schubladen zu stecken, sondern zu schauen: Was ist mir fremd? Was ist dem Anderen fremd? Und darüber miteinander zu sprechen.

Ist das Thema „Trauma“ nicht sehr speziell?

Kreitzscheck: Nein. Man nimmt an, dass 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland traumatische Erfahrungen machen.

Bitte beschreiben Sie einmal was unter „Trauma“ verstanden wird.

Kreitzscheck: Ein Trauma ist eine psychische Verletzung der Seele in einer lebensbedrohlichen Situation, in einer existenziellen Notlage. Der Körper schüttet eine bestimmte Anzahl von Hormonen aus. Das dient dem Körper dazu in einer lebensbedrohlichen Situation entweder zu „flüchten“ oder  zu „kämpfen“. Wenn beides nicht geht und die Situation länger anhält und es keinen „Zeugen“ gibt, der die Notlage des Betroffenen sieht und mit ihm aushält, besteht die Gefahr einer Traumatisierung. Immer öfter übernimmt die Notfallseelsorge diese Rolle des „Zeugen“. Zum Beispiel bei Unfällen, Todesfällen, Vernachlässigung. Für die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit ist es wichtig, für die Betroffenen da zu sein, nachträglich zu Zeugen zu werden, indem sie ihre Geschichten anhören,- einfach Mensch zu sein.

Was hilft es für die Integration Geflüchteter, wenn ehrenamtliche Helfer Wissen im Umgang mit Traumata erwerben?

Kreitzscheck: Ehrenamtliche wollen für Geflüchtete ein neues Zuhause schaffen. Einem geflüchteten Menschen hilft es, wenn ein Ehrenamtlicher ihn begleitet, mit ihm spricht, ihn als Mensch sieht und nicht als Aufgabe, sich kümmert, sich mit ihm anfreundet. Wenn Ehrenamtliche erzählen, wie Menschen in Deutschland „ticken“ und den Geflüchteten ermutigen, zu sagen, was ihm fremd ist. Damit Geflüchtete merken, dass sie erzählen dürfen, was sie bewegt.

Was bringen die Seminare den Ehrenamtlichen?

Kreitzscheck: Für sie ist es wichtig, einen Ort zu haben, an dem sie Begegnungen mit Geflüchteten erzählen und reflektieren können. Die Seminare haben deshalb auch immer Supervisionscharakter. Die Ehrenamtlichen geben sich gegenseitig Rat, können Frust, Überforderung und Freude äußern.

Was erwartet das Zentrum für Seelsorge von den Seminaren?

Kreitzscheck: Wir stellen kostenlos unsere Fachkompetenz zur Verfügung, damit geflüchtete Menschen in Deutschland eine Heimat finden und um die Ehrenamtlichen zu unterstützen.  Wir möchten dazu beitragen, dass die Menschen weniger Angst voreinander haben, sondern sich gegenseitig als Mitmenschen annehmen und einen Weg finden, zusammen zu leben.